Die Spaltung ist vorprogrammiert
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Das Vatican Magazin hat ein Gespräch mit mir geführt über die Ankündigung
der Piusbruderschaft, die am 1. Juli neue Bischöfe weihen wollen.

VON BERNHARD MÜLLER Die von Erzbischof Lefebvre 1970 gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. hat Anfang Februar diesen Jahres angekündigt, die Gemeinschaft werde am Hauptsitz ihrer Bewegung im schweizerischen Écône am 1. Juli neue Bischöfe weihen, auch gegen den Willen des Papstes. Diese Ankündigung hat die Spannungen zwischen dem Vatikan und der Gemeinschaft weiter verschärft. Dabei war es vor allem während des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. zu einer echten Entspannung und Annäherung gekommen. Darüber sprachen wir mit dem früheren Schweizer Abt und emeritierten Weihbischof von Chur, Marian Eleganti.
Wie ist denn Ihr persönliches Verhältnis zur Piusbruderschaft und stimmt es, wie in den Medien behauptet wird, dass Sie gute Kontakte zur Leitung dieser Bewegung haben?
Tatsächlich hatte ich einige Begegnungen mit Exponenten der Piusbruderschaft, schon als ich noch Weihbischof war, aber dann häufiger, nachdem ich emeritiert wurde. So wurde ich vor ein paar Monaten vom Generaloberen, Pater Davide Pagliarani zu einem Mittagessen nach Menzingen eingeladen. Sie wohnen eine halbe Stunde von mir entfernt in Menzingen und ich habe diese Einladung sehr gerne angenommen. Es war eine sehr freundliche, ja fast freundschaftliche Begegnung in guter Atmosphäre und wir haben da lang und breit bis in den Nachmittag hinein über eine mögliche Bischofsweihe gesprochen. Das war damals noch nicht so explizit im Raum, aber ich habe es eben kommen sehen und ich habe ihnen damals meine Argumente vorgetragen und geraten, diesen Schritt nicht zu tun.
Das heißt, Sie teilen die Auffassung Ihres Mitbruders, des in Kasachstan wirkenden Weihbischofs Athanasius Schneider, nicht, dass eine illegale Weihe von Bischöfen nicht als Schisma gelten könne, da die schismatische Absicht fehle?
Nein, ich teile diese Auffassung aus verschiedenen Gründen nicht, so sehr ich Bischof Athanasius schätze. Hier habe ich eine andere Meinung. Aber letztlich wird der Papst über diesen Schritt entscheiden, wie dieser Schritt einzuordnen ist, und er wird diesbezüglich Klarheit schaffen müssen. Das Kirchenrecht ist eigentlich klar, Canon 1383 sagt, dass eine unerlaubte Bischofsweihe ipso facto latae sententiae die Exkommunikation mit sich bringt, ohne Erklärung. Natürlich gibt es seit langem eine kirchenrechtliche Diskussion, wie weit man dies als ein Schisma einzuordnen hat. Aber einig ist man sich darüber, dass so eine Weihe sicher ein schismatischer Akt ist. Für mich ist das Ergebnis entscheidend. Und das Ergebnis ist ganz klar eine in der Tat jurisdiktionelle Autonomie. Es entsteht eine Gemeinschaft mit einer eigenen selbstermächtigten Jurisdiktion und Hierarchie. Sie leitet sich selber autonom bzw. eigenmächtig.
Auch wenn sie im Hochgebet weiterhin für den Papst beten? Das ist für mich dann eigentlich nicht mehr so ausschlaggebend. Es ist auch vorstellbar, dass orthodoxe Kirchen für uns bzw. für den Papst im Sinne eines Ehrenoberhauptes beten. Aber gerade bei den Orthodoxen sprechen wir vom großen Schisma. Solange eine jurisdiktionelle Einheit nicht gegeben ist oder die Jurisdiktionsgewalt des Papstes über eine Teilkirche abgelehnt wird, gibt es keine Kirchenkommunion, und wir reden da immer von Schismen, sei es mit den Orthodoxen oder Protestanten. Also für mich entsteht ein Schisma durch eine illegale Bischofsweihe, unabhängig von der Intention, denn eine Bischofsweihe ist konstitutiv für die Kirche. Wo der Bischof bzw. Papst ist, da ist die Kirche. Die Einheit der Bischöfe mit dem Papst als Haupt ihres Kollegiums ist unabdingbar. Diese kann aber nicht nur im Gebet gelebt werden, sondern muss sich im konkreten Gehorsam zeigen. Sonst entsteht eine vom Papst als ihrem Haupt unabhängige Hierarchie, die sich nicht an seine Jurisdiktion haltend auch nicht mit dem Weltepiskopat als Kollegium der Nachfolger der Apostel eins ist, aber wie in diesem Fall gültige Sakramente unerlaubterweise spendet. Die Intention ist ja auch schwer fassbar. Welches ist das Mindset der Menschen im Tiefsten? Denken sie auch im Grunde genommen schismatisch? Welche Ansichten, zum Beispiel über die Gültigkeit der Sakramente der Universalkirche und über andere Punkte, werden intern vertreten? Sollten sie beispielsweise denken, dass diese Sakramente, wie sie in der Universalkirche gespendet werden, defekt sind und nicht mehr die vollen Heilsmittel vermitteln, dann entspricht das einem schismatischen Denkansatz. Wo lebt dann noch konkret die unfehlbare (ein Gegenstand des Glaubensbekenntnisses) Kirche Christi, die vom Heiligen Geist geleitet wird? Etwa nur noch in der eigenen Fraktion (SSPX)? Geltend zu machen, dass die geweihten Bischöfe ja keine Jurisdiktion besäßen, weil sie ihnen der Papst aufgrund des Aktes des Ungehorsams ihm gegenüber nicht verliehen hat und sie keinen Teilkirchen vorstehen, sondern nur reine Sakramentenspender (Weihbischöfe) sind, entspricht einem sonderbaren Verständnis der Bischofsweihe bzw. des Bischofs als Nachfolger der Apostel. Wo kämen wir hin, wenn einzelne Bischöfe, unabhängig vom Papst, andere Bischöfe weihen würden oder eine jurisdiktionell unabhängige Kirchenleitung installieren könnten, auch wenn der Papst nicht zustimmt, z.B. in Deutschland?
Blick in die Zukunft: Was bedeutet es denn für die Gläubigen, die auch, nachdem diese Weihen gegen den Willen des Papstes durchgeführt wurden, weiter die Gottesdienste der Piusbrüder besuchen und dort die Sakramente empfangen?
Auch da muss der Papst für Klarheit sorgen. Bis jetzt galten die Gläubigen, die die Sakramente von Priestern der Piusbruderschaft empfingen, nicht als exkommuniziert. Auch empfangen sie gültige Sakramente. Für mich entscheidend wäre in einem solchen Fall, wieviel Einsicht das Gewissen hat. Im Lauf der Zeit muss der Gläubige sich auch mit der objektiven Situation auseinandersetzen, in welcher sich die SSPX befindet, und wie sie zur Universalkirche und zum Papst steht. Und dann muss er auch konsequent und kohärent sein, denn ohne konkret gelebte Einheit mit dem Papst kann man nicht als katholisch gelten.
Ein Hauptanliegen der Piusbruderschaft ist ja die Erhaltung der Tradition. Nun hat Kardinal Robert Sarah, der große Sympathien für die alte Form der Messfeier hat, so wie sie von den Piusbrüdern gefeiert wird, kürzlich gesagt, man könne die Tradition nicht durch Ungehorsam verteidigen.
Da liegt er auf der Linie mit allen Heiligen. Die Heiligen haben in solchen Situationen des Dissenses mit der legitimen kirchlichen Autorität immer gehorcht und nicht ihre eigene Ansicht über die kirchlich legitime Autorität gestellt und einfach durchgesetzt, wie das die Piusbruderschaft tut.
Können Sie da Beispiele nennen?
Zum Beispiel Pater Pio und Ignatius von Loyola. Letzterer hat sogar ein viertes Gelübde eingeführt, den Gehorsam gegenüber dem Papst, das ja in der Reformationszeit wirklich von ganz wesentlicher Bedeutung war, weil Luther den Papst als Antichristen stigmatisierte und ablehnte. Ignatius und Calvin waren zusammen an der Pariser Universität. Der eine ging in eine schismatische Richtung und wurde zum Reformator und Kirchenspalter, der andere, Ignatius, führte für seine Gemeinschaft ein viertes Gelübde ein: Gehorsam gegenüber dem Papst. Auf die Frage, was er tun würde, wenn der Papst (Paul IV.) seinen erst gegründeten Orden aufheben würde – Kardinal Carafa war Ignatius und seiner Gründung gegenüber sehr kritisch gesinnt, bevor er Papst wurde –, antwortete Ignatius, dass er eine halbe Stunde Zeit im Gebet verbringen, dann aber gehorchen würde.
Nun sind Demut und Gehorsam ja schwierige kirchenpolitische Fragen, aber auch vor allem schwierige menschliche Fragen. Wie haben Sie denn die Problematik selber erlebt?
Ich habe vor allem in der Jugendzeit an dieser Frage sehr gelitten. Sie hat mich buchstäblich krank gemacht, weil ich schon als junger Mann in dieser Zwickmühle war. Mein erster geistlicher Vater vertrat die Ansicht, die ich soeben am Beispiel von Ignatius erklärt habe. Die Leitung der Gemeinschaft, in der ich zwölf Jahre lang lebte, wählte den passiven Widerstand. Man hielt den Befehl zur Auflösung der Gemeinschaft als nicht konform mit dem Heiligen Geist. Dieser Ungehorsam hat zur Suspendierung a divinis des Gründers geführt. Diese Frage hat mein Gewissen lange beschäftigt. Ich bin dann zu meiner ursprünglichen Ansicht zurückgekehrt, dass Gott das Werk durchsetzen muss, das Er durch uns innerhalb der Kirche realisieren will, nicht wir, schon gar nicht gegen die legitime, von Christus selbst eingesetzte kirchliche Autorität wie z. B. jene des Papstes. Ungehorsam führt zur Spaltung.
Wie schätzen Sie denn den Papst selber ein? Warum hat er beispielsweise die Leitung der Piusbrüder nicht persönlich empfangen und sie von Angesicht zu Angesicht aufgefordert, ihm gehorsam zu sein?
Nun, ich kann nicht in ihn hineinschauen. Vielleicht lässt er zuerst seine Mitarbeiter die Dinge vorbereiten, bevor er persönlich und direkt in diesen Dialog einsteigt. Auch wie er diesen Akt qualifizieren wird, falls die Piusbruderschaft tatsächlich ohne seine Autorisierung zur Weihe neuer Bischöfe schreiten wird, kann ich jetzt nicht sagen.
Haben Sie denn Hoffnung, dass es vor dem Stichtag 1. Juli zwischen dem Vatikan und der Piusbruderschaft noch zu einer Einigung kommen könnte?
So wie das Denken und die Ansichten auf beiden Seiten sind, bin ich eher pessimistisch und habe keine große Hoffnung, dass es eine Einigung geben wird. Wie gesagt, wenn man der Argumentation der Piusbruderschaft wie auch von Bischof Athanasius Schneider folgt, dann könnten ja auch ganz andere Kreise, zum Beispiel sehr liberale Bischöfe mit ähnlicher Argumentation vorgehen und ihre Ziele ohne den Papst durchsetzen. Aber wo kämen wir hin, wenn jeder Bischöfe weihen könnte, ohne Konsequenzen zu befürchten? Dann wäre doch die Spaltung vorprogrammiert, die schon Paulus im Ersten Korintherbrief beklagt hat: „Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung! Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt?“ (1 Kor 1,10-13). Paulus hat sein Evangelium Petrus vorgelegt. Er war 14 Tage bei ihm und ließ sich explizit durch Petrus (Jakobus und Johannes) bestätigen und senden, um sicher zu sein, dass er mit seinem Evangelium an die Heiden nicht ins Leere läuft: „Vierzehn Jahre später ging ich wieder nach Jerusalem hinauf, zusammen mit Barnabas; ich nahm auch Titus mit. Ich ging hinauf aufgrund einer Offenbarung, legte der Gemeinde und im Besonderen den Angesehenen das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkünde; ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere laufe oder gelaufen bin … Deshalb gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die Säulen Ansehen genießen, mir und Barnabas die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden gehen, sie zu den Beschnittenen“ (Gal 2,1-2.9). Paulus hätte die Gabe gehabt, autonom Kirchen zu gründen. Er war durch Christus berufen; er hatte sehr hohe Einsichten; und er hatte eine größere missionarische Dynamik entfaltet als andere. Aber er wollte die Einheit mit Petrus und er wollte von Petrus für seine Heidenmission gesandt sein. Er hat sich diese Sendung nicht selbst gegeben. Sie kam von Christus durch die Bestätigung (Anerkennung) der Kirche (Petrus).


