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Mein Nachruf auf Bischof Vitus Huonder. R.I.P.




 

Bischof Vitus ist so, wie er gelebt hat, gestorben: als ein Mann des Glaubens. Es gibt keinen Zweifel darüber, dass er Jesus Christus sehr geliebt hat und sich Ihm an erster Stelle als treuer, kleiner Diener verpflichtet fühlte. Ergeben in den Willen Gottes und in völligem Frieden habe ich ihn noch am Sonntag angetroffen. Auch wenn seine Stimme schwach war, hat er gleich die Gebete, die ich gebetet habe, sehr gesammelt mitgesprochen. So durfte ich mich noch auf dem Heimweg von Ulm von ihm mit einer Umarmung verabschieden, wofür ich sehr dankbar bin.

Bischof Vitus wurde von vielen Menschen geliebt und geschätzt. Für sie war er ein Leuchtturm, der in der Brandung der Zeit nicht wankte. Das darf man nicht ausblenden in Erinnerung an die aufgeregte und negative Presse und ständige Polemik, die seine Amtszeit als Bischof von Chur begleitete. Als sein Weihbischof konnte ich ihn von nahe erleben, vor allem bei Sitzungen; Liturgien und Predigten, im Vieraugengespräch, in Telefonaten und Krisensituationen und nach seiner Emeritierung in wirklich freund-schaftlichen Begegnungen. Wir haben uns jeweils in einem Restaurant getroffen, zusammen gegessen, und ich habe ihn bei diesen Gelegenheiten «gebrieft». Denn er lebte in Wangs sehr zurückgezogen und die social Media waren nicht sein Ding. Er blieb aber interessiert. Man musste über konservative Hilfsmittel mit ihm kommunizieren.

 

Was viele vielleicht nicht wissen: Bischof Vitus war ein sehr guter Beichtvater mit Betonung auf der zweiten Hälfte des Wortes: Vater. Er war ein sehr geduldiger Zuhörer, der einem nie unterbrochen hat. Seine Ratschläge auf dieser geistlich-sakramentalen Ebene waren wirklich weise, verständnisvoll und absolut nicht streng, sondern klug und gütig, nein: erleuchtet.

 

In seiner Verkündigung war Bischof Vitus ein verlässlicher Diener der (Glaubens-) Wahrheit. Viele Gläubige schätzten und bewunderten das an ihm. Schläge hat er bereitwillig hingenommen, üble Nachrede und Demütigungen auch. Ich war mit ihm nicht in allen Dingen und Situationen einer Meinung, vor allem nicht in der Zeit, als ich das Seminar in Chur leitete. Aber auch in diesen Situationen konnte ich an ihm einige Seiten seiner Persönlichkeit sehr gut kennenlernen. Retrospektiv kann ich bezeugen, dass ich aus seinem Mund nie das leiseste böse oder abschätzige Wort über einen Menschen, vor allem nicht über seine entschiedenen Gegner,vernommen habe. Er hat einfach nie schlecht über andere Personen geredet, egal, wie sie zu ihm standen. Bei Tisch konnte er humorvoll und situativ sehr ironisch sein, was mich manchmal überraschte. Ich hätte es ihm nicht zugetraut. Aber es war so. Bischof Vitus liess nicht jeden Menschen an sich heran. Im Umgang war er immer freundlich. In Sitzungen konnte er auch einmal eindringlich und entschieden seinen Standpunkt vertreten (sozusagen den «Tarif durchgeben»), ohne aber jemals laut zu werden. Im Gegensatz zu meinem eigenen Temperament war er immer moderat, d.h. selbstbeherrscht. Er konnte lange zuhören. Man durfte die eigenen Argumente vor ihm ausbreiten - minutenlang. Er hat sie angehört, aber eventuell danach das Gegenteil von dem gemacht, was man selbst wünschte. Er behielt seine letzte Unabhängigkeit im Urteilen und im Handeln und liess sich deshalb nicht immer in die Karten schauen, mein Eindruck.

 

Bischof Vitus war gebildet. Er kannte die Schrift und den Glauben der Kirche. Seine Predigten waren verständlich, schön aufgebaut und tief. Bischof Vitus war immer gut vorbereitet. Er wurde in seinen Stellungnahmen bei Sitzungen im Gegensatz zu mir nie ausschweifend. Er gab seine Meinung auch in extrem aufgeladenen Situationen (z.B. in der Bischofskonferenz) mit kurzen, ruhig vorgetragenen Stellungnahmen. Ebenso kurz antwortete er auf Nachfragen. Damit war von seiner Seite das Thema erledigt und man ging zum nächsten Traktandum über.

 

Ich denke, dass Bischof Vitus nur wenige Vertraute hatte,jemanden, den er wirklich als seinen Freund betrachtete bzw. dem er auch mehr von seinem Innenleben preisgeben mochte. Er war ein sehr treuer Beter. Rosenkranz und Brevier, Hl. Messe: Da gab es nie die geringsten Abstriche oder Nachlässigkeiten. Er hatte Disziplin und arbeitete wirklich sehr viel und unermüdlich. An jedem Wochenende war er in Pfarreien. Er hat mehr durch seine theologischen und kirchenpolitischen Positionen seine Gegner provoziert als durch seine Persönlichkeit, seinen Charakter und sein Wesen. Letzteres hatte bis zuletzt etwas Kindliches und Frommes im besten Sinn des Wortes. Deshalb mochten ihn die Gläubigen in der persönlichen Begegnung.

Ich unternehme es an dieser Stelle nicht, sein Wirken kirchenpolitisch einzuordnen oder zu bewerten. Darüber will ich auch nicht Richter sein.

 

Ich blieb immer beeindruckt davon, wie er allen Menschen verziehen hat, soweit ich es beurteilen kann oder mitbekommen habe. Er war nicht nachtragend. Er ging einfach seinen Weg und blieb auf seiner Linie. Er wurde nicht böse auf Menschen, schon gar nicht auf seine entschiedenen Gegner. Insofern war er ein Lamm. Als ein solches habe ich ihn auch im Sterben wahrgenommen: Sanft, ergeben und verinnerlicht.

 

Er möge in Frieden ruhen und in die Freude seines HERRN eingehen! Er hat immer auf Sein Urteil vertraut. Jenes der Menschen im Gegensatz dazu war ihm nicht wichtig. Ich danke Ihm von Herzen für alles Gute, das er mir getan hat. Ohne ihn hätte ich die grösste Gnade meines Lebens, die Bischofsweihe, nicht empfangen. Ich fühle mich erleichtert, dass er es jetzt «geschafft» hat. Ich hoffe zuversichtlich, dass er in die Freude seines HERRN eingehen durfte. Ich werde ihn mit Liebe erinnern.


Weihbischof em. Dr. Marian Eleganti​

03. April 2024

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