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Die allgegenwärtigen Schismen im Christentum

  • BME
  • vor 47 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit

Vorbemerkung: Zu diesem Beitrag inspiriert hat mich ein Artikel von Eric Sammons in Crisis Magazine mit ähnlichem Inhalt: "Is a Leonine Unity even possible?" Ich sehe das auch so.


Wladimir Solowjew schreibt: «Die „Lateiner“, wie Sie die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche nennen, haben den Glauben nie verlassen. Keine noch so ausführliche Argumentation kann die Tatsache widerlegen, dass es ausser Rom nur nationale Kirchen wie die armenische oder die griechische Kirche, Staatskirchen wie die russische oder die anglikanische Kirche oder aber von Einzelpersonen gegründete Sekten wie die Lutheraner, Calvinisten, Irvingianer usw. gibt. Die römisch-katholische Kirche ist die einzige Kirche, die weder eine nationale Kirche noch eine Staatskirche noch eine von einem Menschen gegründete Sekte ist; sie ist die einzige Kirche auf der Welt, die das Prinzip der universellen sozialen Einheit gegen individuellen Egoismus und nationalen Partikularismus aufrechterhält und verteidigt; sie ist die einzige Kirche, die die Freiheit der geistlichen Macht gegen den Absolutismus des Staates aufrechterhält und verteidigt; mit einem Wort, sie ist die einzige Kirche, gegen die die Pforten der Hölle nicht obsiegt haben.»[1]

Dem ist zuzustimmen. In der Tat sind die meisten orthodoxen Kirchen de facto Nationalkirchen und viele von ihnen historisch oder aktuell auch Staatskirchen, mindestens

 

mit dem Staat sehr stark verbunden. Entsprechend nennen sie sich z.B. russisch, serbisch, griechisch orthodoxe Kirchen. Es gibt Ausnahmen kleinerer Patriarchate, wo dies nicht der Fall ist. Es handelt sich hier um ein historisches Phänomen, das sich nicht aus dem theologischen Selbstverständnis der Orthodoxie ergibt (letzteres ist universal).

 

Hingegen ist die röm.-katholische Kirche eine Universalkirche ohne nationale oder staatliche Anbindung. Sie ist praktisch überall auf der Welt präsent. Das Attribut römisch bezieht sich auf den aktuellen Sitz des Papstes in Rom und auf das Martyrium der hl. Apostel Petrus und Paulus in Rom. Beide Apostel sind von  grundlegender Bedeutung für die Kirche. Dass sie beide in Rom ihr Martyrium erlitten haben ist kein unerhebliches historisches Detail am Rande, sondern dokumentiert in gewisser Weise  den Vorrang des Bischofs von Rom und seiner Nachfolger, der Päpste, welche sich als Nachfolger des Hl. Petrus verstehen, der in Rom gestorben ist. Auf Petrus hat Christus die Kirche gegründet und ihr die Verheissung gegeben, von den Pforten der Unterwelt nicht überwunden zu werden. Darauf weist Solowjew neidlos hin. Daraus ergibt sich die Einheit der katholischen Kirche: Aus der Übereinstimmung und kanonischen (nicht ideellen) Einheit mit Petrus bzw. dem Papst. Auch das sieht Solowjew richtig.

 

Man könnte vereinfachend sagen, dass die orthodoxen Kirchen im Glauben und in der Liturgie übereinstimmen, aber faktisch erhebliche Probleme haben, die Einheit untereinander (kanonisch) zu leben. Die Patriarchate konkurrenzieren sich. Es gibt kein Einheitsamt (Papsttum), höchstens einen Ehrenprimat, um den gestritten wird, wie man sieht. Er wird nicht mehr von allen anerkannt. Ein panorthodoxes Konzil kam in jüngerer Vergangenheit auch aus diesem Grund nicht mehr zustande. Neue schmerzliche Schismen haben sich gebildet wie jenes zwischen Moskau und Konstantinopel (Cyrill und Bartholomäus), die sich auch in anderen Ländern auswirken wie beispielsweise in der Ukraine, aber nicht nur dort. Es gibt keine jurisdiktionelle, kanonische Einheit wie in der röm.-kath. Kirche. Das heisst, die Einheit ist nicht sichtbar verfasst, sondern ideeller Natur und leider praktisch nicht verwirklicht.

 

Das gilt nur unter diesem (kanonischen) Aspekt nicht für die röm.-katholische Kirche unter dem Papst. Denn auch in ihr nimmt man schismatische Wirklichkeiten ähnlich wie in der Orthodoxie nicht mehr wirklich ernst. Das heisst: Man lebt mit ihnen, arrangiert sich oder klittert sie wie neulich eine päpstliche Predigt, die das Verhältnis zur anglikanischen Kirche angesprochen hat. Im grossen Ganzen aber wird ein schmutziges Schisma geduldet, das durch die ganze katholische Kirche geht zwischen den sog. «modernistischen», «zeitgeistangepassten», «relativistischen» und «pluralistischen», «linksorientierten» «Reformkatholiken» und den «konservativen», als «rechtorientiert» beschriebenen, «traditionellen» und «rechtgläubigen» Katholiken. Beide Flügel verstehen sich als glaubenstreu und katholisch. Das ist das Paradoxon schlechthin. Mit den oben aufgezählten gängigen Attributen nehme ich nur eine vulgäre, weitverbreitete Typisierung in den Köpfen und Schreibstuben der Katholiken auf, ohne sie gutzuheissen. Denn man sollte nur von Katholiken reden. Allerdings muss dann klar definiert sein, wer als solcher gelten darf, und wer es nicht (mehr) ist. Kurz: Man ist entweder katholisch oder man ist es nicht. Nicht aber ist man – plakativ und umgangssprachlich weit verbreitet -  ein Rechts- oder Linkskatholik. Man ist orthodox oder häretisch und entsprechend katholisch oder eben nicht (mehr). Das muss letztlich vom Papst in aller Deutlichkeit für die Universalkirche ausgemacht und entschieden werden. In jedem Fall bildet «katholisch» auch ein Ausschlusskriterium, was heute nicht mehr verstanden und praktiziert wird. Man will inklusiv sein. Leider bekommen dadurch auch die Häretiker Heimat in der Kirche. Sie dürfen in ihrem Auftrag lehren und seelsorglich tätig sein, selbst wenn sie den Glauben der Kirche kritisieren und nicht danach leben. Sie verkünden ein anderes Evangelium als jenes von den Aposteln übernommenes und von den Päpsten bewahrtes (Tradition). Weil der Papst in der Universalkirche und die Bischöfe in ihren Diözesen Häresien und Häretiker dulden, haben wir ein schmutziges, allgegenwärtiges inneres Schisma in der katholischen Kirche.

 

Häresien werden heutzutage in der katholischen Kirche nicht mehr identifiziert und geahndet. Häretiker werden nicht mehr als solche erkannt, sanktioniert und exkommuniziert. Sie können ungehindert den Leib Christi, die Kirche, verderben. Päpste lassen sich mit ihnen abbilden und machen sie hoffähig, weil sie mit ihnen reden, ohne sich gleichzeitig öffentlich von ihren Ansichten und Aktivitäten zu distanzieren, sie entsprechend öffentlich zu ermahnen und ihre Positionen zu verurteilen und wenn nötig, sie zu exkommunizieren. So breiten sich die Krankheiten im mystischen Leib Christi, der Kirche, ungebremst aus.  

 

Die Heilung der Kirche könnte nur geschehen, wenn Häresien ganz klar vom Papst als solche identifiziert und ihre Vertreter und Promotoren (Aktivisten) wieder exkommuniziert würden, wenn sie nicht einlenken wollen. Dann könnte man auch in der röm.-katholischen Kirche von wirklicher Einheit (ein Glaube, eine Taufe, ein Leib) reden. Wie schon Johannes geschrieben hat, kommen jene, die die Kirche zerreissen und den Glauben verfälschen aus dem Inneren der Kirche. Dass sie, wie Johannes schreibt, nicht zu uns gehören, sollten der Papst und die Bischöfe in aller Deutlichkeit sichtbar machen und öffentlich erklären.


[1] Vladimir Soloviev, “The Russian Church and the Papacy” (Paris 1889) zit. In: https://x.com/burgess7281975/status/1998375957770502268?s=63 . “The ‘Latins,’ as you call the One, Holy, Catholic and Apostolic Church, have never abandoned the Faith. No amount of argument can overcome the evidence for the fact that apart from Rome there are only national Churches, such as the Armenian or the Greek Church, State Churches, such as the Russian or the Anglican Church, or sects founded by individuals, such as the Lutherans, the Calvinists, the Irvingites, and so on. The Roman Catholic Church is the only Church which is neither a national Church, nor a State Church, nor a sect founded by a man; it is the only Church in the world which maintains and defends the principle of universal social unity against individual egoism and national particularism; it is the only Church which maintains and defends the liberty of the spiritual power against the absolutism of the State; in a word, it is the only Church against which the gates of hell have not prevailed.” Aus der Übersetzung von Herbert Rees, 1948. Franz.: „La Russie et l'Église universelle“ (1989); englisch meist als „Russia and the Universal Church“ bekannt; deutsch: „Die russische Kirche und das Papsttum“ oder „Russland und die universale Kirche".

 
 
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